Studien der Pharmaindustrie

Welche Studien veröffentlicht die Pharmaindustrie?

Als Patient geht man normalerweise davon aus, dass die einem verschriebenen Medikamente auch eine entsprechende Wirkleistung gemäß Beschreibung erbringen. Darüber hinaus vertraut man darauf, dass es während der Einnahme zu keinen gravierenden Nebenwirkungen kommt.

Genau dies tritt jedoch von Zeit zu Zeit ein. Als Beispiel sei hier das Schmerzmittel Vioxx genannt, welches besonders in den 1990er Jahren zum Einsatz kam und gegen Gelenkerkrankungen helfen sollte. Unrühmliche Nebenwirkung jedoch war eine signifikante Erhöhung des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos um fast 100%. Auch das Medikament Rosiglitazon – eigentlich ein Mittel gegen Diabetes – machte negative Schlagzeilen, da es für zehntausende Herzinfarkte verantwortlich gemacht wurde. Keines der beiden Medikamente kommt heute noch zum Einsatz.

Die Frage, die im Raum steht, lautet: Wie können solch kapitale Fehler überhaupt passieren? Immerhin ist die Zulassung eines neuen Mittels an eine Vielzahl von Studien geknüpft. Auch muss entweder die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Zustimmung zur Einführung geben.

In Wahrheit aber wird nur ein Teil der Studienergebnisse überhaupt veröffentlicht. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass wohl 50% aller klinischen Studien unter Verschluss gehalten werden. Dies vermutet zumindest Joseph Ross, ein Gesundheitsexperte an der Universität in Yale.

Fakten auf den Tisch!

Fakten auf den Tisch!

Europa protestiert

Mittlerweile übt vor allem Europa Druck auf die Pharmaindustrie aus und fordert die Veröffentlichung aller zu einem neuen Medikament durchgeführten klinischen Studien. Viele Forschungseinrichtungen haben sich diesem Vorstoß schon angeschlossen. In immer mehr Ländern beharren Wissenschaftler darauf, alle Studien samt anonymisierter Patientendaten zugänglich zu machen. Die Einwohner Europas haben die Möglichkeit, sich mit dem Unterschreiben einer Petition an den Protesten zu beteiligen. Mit Erfolg: Seit 2010 wurden bereits über 1,6 Millionen Seiten an Studienmaterial veröffentlicht.

Den Grundstein für die immer weiter aufflammende Kritik legte das Grippeschutzmittel Tamiflu, welches vor einigen Jahren auf den Markt kam und aus Angst vor einer Pandemie von einer Vielzahl an Regierungen weltweit gehortet wurde. Vor allem die Herstellerfirma Roche konnte davon profitieren – machten die Staatseinkäufe doch nahezu 60% des Umsatzvolumens im Jahr 2009 aus.

Mittlerweile ist klar, dass bei Zugriff auf alle dazu erhobenen Studien das Mittel ganz anders eingestuft worden wäre. Dies fanden Peter Doshi, seines Zeichens Epidemiologe an der Universität von Maryland in Baltimore und sein Kollege Tom Jefferson heraus. Gemeinsam wälzten sie Unmengen an nicht öffentlichen Studiendaten und holten sich zudem Rat von Ärzten und Forschern.

Nicht wirksamer als Aspirin

Obwohl Roche auf die Wirksamkeit von Tamiflu pochte und propagierte, dass das Mittel einen Großteil der möglichen Komplikationen einer Grippe verhindern könne, ergab die Untersuchung von Doshi und Jefferson, dass nur zwei Studien hierzu überhaupt publik gemacht wurden, obwohl insgesamt zehn existierten. Sie stellten daher den Nutzen des Mittels grundsätzlich infrage und kamen letztendlich zu dem Schluss, dass Tamiflu ungefähr die gleiche Wirkung hat wie Aspirin. Dies legten unveröffentlichte Studien nahe.

Auch ein anderer Fall soll an dieser Stelle genannt werden. Vor Kurzem fanden Wissenschaftler der Universität in Yale heraus, dass ein besonderes Implantat, welches chronisches Rückenleiden lindern soll, nicht wirksamer ist als eine normale Therapie. Dies ging ebenfalls aus bislang unter Verschluss gehaltenen Daten hervor.

Konsequenz dieser bisherigen Praxis ist, dass viele Menschen das Vertrauen in die Bewertungssysteme für neue Medikamente verlieren, da der Eindruck erweckt wird, dass Geld wichtiger ist als die Gesundheit. Hier könnten konkrete Gesetze und Strafen in Form von Bußgeldern ein probates Mittel sein, um einerseits das Verhalten der Unternehmen zu ändern und ihre Einsicht zu fördern und andererseits das Vertrauen der Patienten in die Industrie zurückzugewinnen.

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