Akupunktur

Schmerzlindernde Stromstöße

Am Deutschen Herzzentrum werden Patienten während der Operation mit Elektroakupunktur betäubt. Chefanästhesist Peter Tassani hat die Methode nach Jahrzehnten wiederentdeckt – und benutzt dafür ein Gerät aus den Siebzigerjahren.

Elektroakupunkturanästhesie

Elektroakupunkturanästhesie kann eingesetzt werden, um Schmerzen zu lindern.

Seit 85 Jahren hat das Herz von Karl R. brav seinen Dienst getan. Ohne zu mucken hat es jede Minute rund fünf Liter Blut durch seinen Körper gepumpt, das sind 22 Millionen Liter insgesamt. Aber jetzt, im 86. Lebensjahr, hat Karl R. gemerkt, dass ihm vieles nicht mehr so leicht fällt, dass er zu schwitzen beginnt und nach Atem ringt, wo er zuvor noch zupacken konnte, ohne dass er etwas gehabt hätte. Also ließ er sich untersuchen, und heraus kam, dass die Adern, die sein Herz mit Sauerstoff versorgen, eng geworden sind, dass nicht mehr genügend Blut durchkommt.

Karl R. kann diese Sachen momentan nicht selbst erzählen, denn er liegt auf einem Tisch und scheint zu schlafen, während sich drei Männer an ihm zu schaffen machen: Im Deutschen Herzzentrum in der Lazarettstraße soll Karl R. heute mehrere Bypässe bekommen. Peter Tassani, der Chef der Anästhesisten, und sein Team bereiten den Patienten auf die Operation vor.

Es sind routinierte Griffe, mit denen die Mediziner Venenzugänge legen, einen Tubus in die Luftröhre einführen, über den Karl R. beatmet werden wird – keine große Sache, am Herzzentrum sind fünf Operationssäle den ganzen Tag, die ganze Woche belegt, eine Bypass-Operation macht hier niemanden nervös – außer den Patienten. Aber der liegt ja inzwischen in der Narkose und bekommt nichts mit.

In einen künstlichen Schlaf versetzt wird der Patient mit Medikamenten

Apropos Narkose: Peter Tassani hat zuvor erklärt, dass die auf drei Säulen ruht: Auf der Hypnose, also dem Schlaf des Patienten, auf der Muskelrelaxation, der tiefreichenden Entspannung – und auf der Analgesie, das ist die Unterdrückung des Schmerzes. Die ersten beiden Säulen sind schon errichtet beim Patienten R., wie man das so macht, mit exakt dosierten Medikamenten. Nun ist die Schmerzunterdrückung dran. Aber anstatt zur Spritze greift Tassani nach einem silbernen Kästchen, etwas größer als ein Autoradio.

Das Ding ist sozusagen historisch, stammt wohl aus den Siebzigerjahren, klein steht vorne drauf: „Made in the Peoples‘ Republic of China“. Tassani platziert das Kästchen in Reichweite und holt sechs dünne Nadeln hervor. Denn er will dem Patienten die schweren Opiate ersparen, die für gewöhnlich zur Analgesie eingesetzt werden und die den meisten Operierten noch tagelang Probleme bereiten: Übelkeit, Benommenheit, Verstopfung, das sind die Nach- und Nebenwirkungen der hoch dosierten Betäubungsmittel. Tassani hingegen schaltet den Schmerz mit Akupunktur aus.

Sechs Nadeln setzt er, je zwei an den Unterarmen, am Hals und an den Ohren. Obwohl die Nadeln hauchdünn sind, o ,2 Millimeter nur, zeigt der Monitor neben dem Patienten sofort einen  Ausschlag, als die Nadelsnitze Karl R.s Haut durchdringt: „Er spürt einen Schmerz“, sagt Tassani, „und Schmerz ist Stress, deshalb steigt der Blutdruck.“ Nachdem die Nadeln angebracht und mit Pflastern fixiert sind, holt der Arzt einen Kabelstrang von einem Haken an der Wand. Er wurde von der hauseigenen Medizintechnik selbst zusammengebaut, mit Material aus dem Elektronik-Fachmarkt. Die Krokodilklemmen an den Kabelenden werden mit den Akupunkturnadeln verbunden und so isoliert, dass sie nicht die Haut berühren. Dann werden die anderen Enden der Leitung in das silberne Kästchen aus der Volksrepublik China eingestöpselt.

Das Kästchen schickt nun einen schwachen Strom in die Nadeln und damit in Karl R.s Körper. Peter Tassani beobachtet die Blutdruckanzeige – stetig sinkt der Wert, bis er schließlich bei 110 angelangt ist, so zusagen im Ruhezustand. „So“, sagt der Arzt, „jetzt ist er soweit.“

Natürlich ist Karl R. kein Versuchskaninchen eines experimentierfreudigen Anästhesisten- in den vergangenen drei Jahren hat Tassani, so schätzt er, sicher bei mehr als 100 Herzoperationen die Elektroakupunkturanästhesie angewendet. Die Methode selbst ist noch viel älter, in den Siebzigerjahren schon hat das Herzzentrum sie angeboten, bevor sie irgendwie in Vergessenheit geriet. Aus dieser Zeit stammt auch das silberne Kästchen, das Peter Tassani hütet wie einen Schatz, denn auch wenn ähnliche Geräte heute neu zu kaufen wären, dann wüsste er doch nicht, wie er sie einzustellen hätte – er ist ja auch kein ausgebildeter Akupunkteur, sondern weiß eben nur diese sechs Stellen, an denen er seine Schmerzlos-Nadeln platzieren muss. Die Operation, zu der Karl R. nun in den Saal geschoben wird, soll gut fünf Stunden dauern. Die Ärzte haben entdeckt, dass neben den verstopften Adern auch eine Herzklappe undicht ist, die reparieren sie gleich mit. Es ist also ein schwerer Eingriff, den Karl R. über sich ergehen lassen muss, und so ist es kein Wunder, dass er ein paar Tage braucht, um sich zu erholen. Neun Leute sind ja auch an ihm zugange, zwei Anästhesisten, drei OP-Pfleger, einer, der die Herz-Lungen- Maschine überwacht, sodann zwei Chirurgen; der eine präpariert eine Ader aus Karl R.s Bein heraus, der andere eine aus der Lunge, sie werden später als Ersatzteile für die maroden Herzgefäße verwendet. Später, wenn Rüdiger Lange kommt, der Chef des Herzzentrums, der das Werk selbst vollenden will.

Das erste aber, was geschieht zu Beginn der Operation, ist auch gleich das Schrecklichste – für den Laien zumindest: Mit einer Art Kreissäge wird das Brustbein durchgesägt, das Geräusch dabei ist genau so, wie man es sich vorstellt. In das Loch wird ein Rahmen gespreizt, der es offen hält. Da liegt es also nun offen da, Karl R.s Herz, und tut das, was es seit 85 Jahren tut: Es schlägt. Peter Tassani aber hat den Blick auf den Blutdruck-Monitor gerichtet, der vorhin, beim Pieks mit der Nadel, sofort ausschlug. Nun, beim Durchsägen des Brustbeins, einem wahrscheinlich 1000 Mal stärkerem Schmerz, bleibt der Pegel auf einem Wert und schwankt kein bisschen.

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